Michael von Abercron

Staatliche Neutralität

Sie werden es unter Umständen schon gesehen oder gehört haben: Nachrichtensprecher machen Pausen in Mitten von Wörtern, Texte werden durch haufenweise Doppelpunkte, Asteriske, Unterstriche oder Große „i“s versehen und das grammatikalisch korrekte generische Maskulinum wird durch weitere, extrem auffällige und den Hör- sowie Lesefluss behindernde Kreationen ersetzt. „Gendergerechte Sprache“ heißt diese Kopfgeburt, die vor einigen Jahren in den Hörsälen der Genderstudies-Fakultäten das Licht der Welt erblickte und nun allerorten die ach so unterdrückende deutsche Sprache reformieren soll. Laut den Botschaftern dieses Sprachwandels würde damit die Unterdrückung der Frau und anderer marginalisierter Gruppen endlich ein Ende finden — was mit Blick auf das grammatikalisch völlig geschlechtslose Persisch in Verbindung mit einem Blick auf Frauen- und Minderheitenrechte im Iran oder in Afghanistan zwar leicht zu entkräften ist, aber solche Argumente zählen in der Debatte leider schon lange nicht mehr. Es geht viel mehr darum, eine Trennlinie ziehen zu wollen zwischen denen, die die vermeintlich moralisch „Guten“ sind (also jene, die sich der „gendergerechten Sprache“ unterwerfen) und jenen, die auf der moralisch mindestens fragwürdigen Seite stehen.

Ich persönlich halte das vor-sich-her-tragen einer moralischen Monstranz, die in jedes gesprochene Wort eigewoben werden muss, zwar für unsympathisch, aber jeder Bürger darf privat selbstverständlich sprechen und schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Anders ist es um staatliche Institutionen und durch die Öffentlichkeit finanzierte Einrichtungen bestellt.

 

Sendungen auf den öffentlich-rechtlichen Kanälen, Socialmedia-Beiträge ihrer Redaktionen, Universitäten, Schulen, Behörden, Gerichte und Gesetzestexte müssen (mit Ausnahme von journalistischen Kommentaren und ähnlichem) politisch neutral sein. Moralinschwangere Sprache ist jedoch das Gegenteil von politischer Neutralität und sorgt für massive Vertrauensverluste sowie ein Abwenden breiter Bevölkerungsteile von jenen Institutionen. Es ist also richtig, dass unsere Bildungsministerin Karin Prien deutlich gemacht hat, dass an unseren Schulen ausschließlich korrektes Deutsch gelehrt wird und der Vorstoß des Hamburgischen CDU-Landesvorsitzenden Christoph Ploß, der öffentliche Stellen zur Verwendung korrekter Sprache verpflichten will, ist ebenso unterstützenswert wie bedauerlich in seiner Notwendigkeit.