von Boetticher und von Abercron gegen Umbenennung der Marseille-Kaserne

Mit großem Unmut haben der CDU-Kreisvorsitzende Christian von Boetticher und der Bundestagsabgeordnete Michael von Abercron die Absicht des Bundesverteidigungsministeriums zur Kenntnis genommen, die nach dem Jagdflieger Hans-Joachim Marseille benannte Unteroffiziersschule der Luftwaffe in Appen umzubenennen.

"Die Kaserne erhielt nicht durch die Nazis ihren Namen, sondern 1975 durch SPD-Verteidigungsminister Georg Leber, was vor Ort in all den Jahren ausschließlich von Vertretern der Linken ungehört beanstandet wurde". Im Unterschied zu anderen Kasernen, die ihre Namen durch prominente, systemtreue Wehrmachts- und SS-Generäle erhielt, sei Hans-Joachim Marseille nicht nur kein Mitglied irgendeiner NSDAP- oder SS-Gliederung gewesen, wie die vielfach geehrten Herren Grass, Walser oder Lenz, sondern klar erkennbarer Gegner von Rassenhass und Führerkult, weiß der CDU-Vorsitzende.

"Mein Großonkel Bernhard Woldenga war sein Vorgesetzter als Geschwader-Kommodore in Afrika. Bei unserem gemeinsamen Besuch in der 80er-Jahren im damaligen Luftwaffen-Museum in der Kaserne in Appen polterte er über Marseille." Dieser sei undiszipliniert, nicht linientreu und dem NS-Regime negativ gegenüber in Erscheinung getreten, weiß von Boetticher aus dessen Mund zu erzählen. Darum habe man ihn fast ein Jahr lang bei allen Beförderungen übergangen. Erst nachdem er sich als 'bester Jagdfliegerpilot aller Zeiten' erwiesen und die Propaganda in Berlin ihn entdeckt habe, hätte man ihn innerhalb eines Jahres zum Hauptmann befördert. Zur Auszeichnung mit dem Ritterkreuz mit Eichenlaub und später zum Eichenlaub mit Brillanten nach Berlin habe man ihn fast prügeln müssen, weil er nicht von der Truppe wegwollte und gedankt habe er dem NS-Staat die Aufmerksamkeit, indem er bei dieser Gelegenheit auf einem Klavier verbotene Jazz-Musik spielte, so dass Hitler angewidert die Ehrung verlassen hätte. Beim Jagdgeschwader 27 in Nordafrika habe er sich zudem mit dem farbigen Kriegsgefangenen aus Südafrika, Korporal Mathew P. Letuku befreundet, der ihm als Ordonanz diente und hätte so erkennbar die Rassenpolitik der Nazis verhöhnt. Latuku sei noch bis in die 80er Jahre Gast bei den deutschen Veteranen-Treffen gewesen, 1984 sogar als Ehrengast des Auswärtigen Amtes unter der Bundesregierung von Helmut Kohl. "Darum kann Hans-Joachim Marseille durchaus als Vorbild für heutige Soldaten einer demokratischen Armee dienen", so von Boetticher.

von Abercron ergänzt: "Mit seiner für die Zeit den 2. Weltkriegs üblichen Soldaten-Vita, vergleichbar mit denen fast aller unserer Väter, Groß- und Urgroßväter, wird auch an Hans-Joachim Marseille deutlich, welchem Widerstreit eine ganze Generation junger Menschen in dieser schwersten Zeit unser deutschen Geschichte unterworfen war. Eine besondere fliegerische Begabung und militärisches Pflichtgefühl wurden für die Ziele eines verbrecherischen Systems missbraucht, dass er, wie viele Millionen anderer zum Teil nicht mal erwachsener junger Soldaten, mit dem Tode bezahlt hat. Selbst wenn sich trotz einiger deutlicher Hinweise heute nicht in jeder Phase des jungen Lebens dieses Mannes sicher belegen lässt, was er als Soldat über die Ziele der NS-Diktatur erfahren und gedacht hatte, so mahnt sein Leben und Sterben die nachfolgenden Generationen umso mehr, sich mit den katastrophalen Folgen eines totalitärerem Regimes auseinanderzusetzen, dem er als Soldat gedient und das Völkermord, Krieg und Vertreibung über unsere Welt gebracht hat."

"Gerade in dieser Betrachtung wird der gravierende Unterschied zwischen der Wehrmacht im Nationalsozialismus und der Bundeswehr als Armee eines demokratisch verfassten Staates mehr als deutlich. Es ist gerade diese Ambivalenz der Figur von Marseille, bei der es eben nicht nur um die Beachtung seiner beachtlichen militärischen Karriere, sondern eben auch um die kritische Auseinandersetzung über die Folgen einer missbrauchten oder verführten Generation geht, die meist zwangsläufig zum Werkzeug eines mörderischen Systems wurde. Gerade deshalb sollte sein Name künftigen Unteroffizieren der Luftwaffe im Gedächtnis bleiben, denn damit wird die grundlegend andere Stellung und Aufgabe unserer Bundeswehr sehr anschaulich, weil ihre Soldaten als Staatsbürger in Uniform gerade für die Werte von Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen und diese bereit sind zu verteidigen.", so von Abercron.

von Boetticher: "Viele Jagdflieger der Wehrmacht haben nach dem Krieg eine zweite Chance beim Aufbau der Bundeswehr bekommen und konnten ihre neue Systemtreue zur Demokratie unter Beweis stellen. Die ersten sechs Inspekteure der Luftwaffe von 1955 bis 1983 sind alles Jagdflieger des zweiten Weltkrieges gewesen und mit vielen Verdienstorden der Bundesrepublik überhäuft worden. Hans-Joachim Marseille, der im Krieg deutliche Signale der Systemkritik geäußert hat, hatte dazu nur deshalb keine Chance, weil er am 30. September 1942 mit gerade mal 22 Jahren bei einem Fallschirmrettungsabsprung aus seiner Maschine tödlich verunglückte."

"Wenn die Bundeswehr heute nach Aussetzung der Wehrpflicht in Teilen ein Problem mit Neo-Nazismus und Rassismus hat, muss die Verteidigungsministerin dies gegenüber der aktiven Truppe in Angriff nehmen. Wer als Tätigkeitsbeweis dafür aber Hans-Joachim Marseille als Namensgeber einer Kaserne opfert, benutzt einen jungen, vor fast 80 Jahren gefallenen Kritiker von Rassenpolitik und Führerkult, für ein politisches Manöver." so von Boetticher abschließend.

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